Sprache deckt auf
... es ist und bleibt Gefangenschaft
(Stand 08.02.2012)
Für Zoos ist es immer schwer, über die wahren Beweggründe und Ursachen ihrer Ausbrecher oder Flüchtlinge offen zu sprechen. Oft laufen sie dabei Gefahr, dass für Außenstehende das Gefangensein ihrer Individuen doch erkennbar wird. Immerhin befinden sich die geflohenen Insassen ja in ihrer wohlbehüteten menschlichen Obhut aus der glückliche Individuen ja eigentlich nicht fliehen.
Das Wort Obhut klingt zunächst nach Zwangsfreiheit, Friedlichkeit oder Fürsorglichkeit. Das soll es auch. Das ist so gewollt. Anders ausgedrückt "menschliche Obhut" soll nichts anderes bedeuten, als dass Zoos ihre "Botschafter" und "Schützlinge" umsorgen, behüten und eben beschützen. Nach außen hin tun also Zoos alles, um bereits beim Sprachgebrauch nicht negative oder kritische Assoziationen zu erwecken. Dieser vertuschenden Sprache bedienen sich bereits Jäger, die ebenfalls alle Möglichkeiten der Sprache nutzen, um ihr tödliches Handwerk schön zu reden oder zu verharmlosen.
Früher sprachen Zoodirektoren und Wissenschaftler wie z.B. Heini Hediger selbst noch von Gefangenschaft und Insassen . Doch als die erste Kritik am Umgang mit den Geschöpfen an die Öffentlichkeit trat, veränderte sich nicht nur die Bauweise der bis dahin vergitterten Zoos, sondern auch die Zoo-Sprache.
Ein Ausbruch ist immer negativ behaftet, denn ein nichtmenschliches Tier, das doch vermeintlich freiwillig und glücklich in "menschlicher Obhut" lebt, will der Logik zufolge ja eigentlich nicht aus diesem Zoo-Paradies hinaus. Betroffenen Zoos ist es nach so einem Zwischenfall oft anzumerken, dass ihnen der Vorfall peinlich ist. Noch schlimmer, wenn es nicht der erste dieser Art war.
Das "Wildparadies Trippsdrill" zum Beispiel, es heißt absurder Weise wirklich "Paradies" , vergaß wohl in solch einem Ausbruchsfall in fahrlässiger Art und Weise seine Vorsätze im Sprachgebrauch. Sprecherin Karoline Manitz wird nach einer wiederholten Luchs-Flucht nämlich wie folgt zitiert:
"Wir haben die Sicherheit erhöht. Alle Bäume im Luchsgehege tragen jetzt Manschetten, damit die Luchse nicht hochklettern können. Der drei Meter hohe Maschendrahtzaun ist jetzt mit mehreren Elektrodrähten gesichert, die an zwei separate Stromkreisläufe angeschlossen sind. Fällt der Strom einmal aus, sorgt ein Batteriebetreib für die Absicherung."
Hört sich eher nach Hochsicherheitsgefängnis für Schwerverbrecher an, als nach dem Paradies für glückliche und zufriedene Luchse in "menschlicher Obhut". Die Zeitung "Heilbronner Stimme", die Frau Manitz Äußerung hier veröffentlichte, gab dem Artikel die wohl passendste Überschrift: "Hochsicherheitstrakt für potenzielle Ausbrecher" . (1)
Aber auch große Zoos geben schon einmal die Wahrheit preis. So meinte Marianne Holtkötter in "Der Zoologische Garten" von 1994:
"Bis zum Alter von fünf Monaten konnten die jungen Irbisse (Schneeleoparden) das Gehege (Zoo Stuttgart Wilhelma) durch diese Gittermaschen verlassen und Ausflüge in die nähere Umgebung machen. Dabei zeigte sich, dass sie gern auf Bäume in der Nähe des Geheges oder auf das Gitterdach kletterten und den Überblick von dort offenbar sehr schätzten. Man kann den Tieren ihre Ausflüge nicht recht verübeln, denn in ihrem Gehege haben sie keine solche Aussichtsmöglichkeit."
Frau Holtkötters 1994iger "Wagnis zur Wahrheit" wird hier nicht ohne Grund noch einmal wieder-gegeben. Denn im Jahr 2009, fünfzehn Jahre später, sieht die Zoo-Welt von Frau Holtkötter nämlich jetzt plötzlich in etwa so aus:
"Das heißt, die Kängurus könnten leicht über ihren Zaun in der Wilhelma hüpfen , sagt Marianne Holtkötter an die Adresse von Zoo-Kritikern. Das tun sie aber nicht, weil sie sich in ihrem Gehege sicher und zu Hause fühlen." (2)
Dass auch Frau Holtkötter die Zoo-Realität schnell wieder einholt, liest man 2010 in der BILD-Stuttgart:
"Känguru Judith holt sich ´ne blutige Nase weil sie in Panik gegen den Zaun ums Gehege rummste. Der arme Hüpfer blutete stark Pfleger wollten die Gruppe mit elf Kängurus abends in den Stall treiben. Die Tiere büxten aber immer wieder aus." (3)
Also, Frau Holtkötter, warum knallt das Tier immer wieder gegen den Zaun bis es blutet, wenn doch der Zaun so leicht zu "überhüpfen" ist?
Aber auch Print- oder TV-Medien lassen es sich auch schon einmal nicht nehmen, von der Wahrheit zu berichten, anstatt überwiegend nur das stets monotone Zoo-Geplänkel in Endlosschleife zu veröffent-lichen. So schreibt die "Berliner Zeitung":
"Einige Neuberliner (hier gemeint wiederholt geflohene Nasenbären) haben Probleme mit der Hauptstadt. Man wird den ganzen Tag angeglotzt und hat nur noch einen Wunsch: Flucht!" (4)
Und noch ein paar andere Sprach-Beispiele:
Lausitzer Rundschau: "Känguru floh in die Freiheit" (5)
Sächsische Zeitung: "Manni genießt die Freiheit" (6)
Die Rheinlandpfalz:
"Einmal pro Woche verordnet der Zoo in Tokio seinen Pinguinen Freigang (300 Meter in 30 min) im Zoo. Der Zoo teilt mit: Sie sollen sich mal richtig die Füße vertreten. Auf diese Weise soll das Heimweh der flugunfähigen Vögel bekämpft und der Stress des Lebens in Gefangenschaft gemindert werden. Und nach dem Ausflug seien die Tiere weniger gestresst." (7)
TV-Sendung Elefant, Tiger & Co vom 05.Juli 2008:
"Beiden Pelikanen des Zoo Leipzig sollen die Flügel gestutzt werden, um spätere Ausbruchversuche zu unterbinden."
TV-Sendung Elefant, Tiger & Co vom 08.Oktober 2008
"Erst wurden Spähtrupps aktiviert, den Fluchtweg (eines immer wieder fliehenden Rhesusaffen) auszukundschaften, dann Elektriker beauftragt, Stromzäune zu legen, schließlich wurden Maurer ins Feld geschickt, eine ausbruchsichere Mauer aufzubauen."
Zum Schluss ein Zitat, das nicht mit offenen Worten geizt und das es auf Punkt bringt, wenn Zoos mal wieder mit Worten beschönigen und vortäuschen, was in der Zoo-Realität letztendlich Gefangenschaft ist und bleibt.
"Artenschutz in einem zur Arche Noah deklarierten Käfig ist eine wissenschaftliche Illusion, unter Blick auf die bei der Käfigung weltweit verfolgten, eigentlich überwältigenden, ökonomischen Ziele nichts anderes als ein großer Bluff" Hans Oelke
Quellenachweise:
(1) Heilbronner Stimme vom 16.03.2011
(2) Marianne Holtkötter (Zoo Stuttgart Wilhelma) in "Stuttgarter Nachrichten" am 29.07.2009
(3) BILD Zeitung Stuttgart April 2010
(4) Berliner Zeitung vom 20.07.2001 (3. Flucht Nasenbär/ ein Neuzugang aus Hamburg)
(5) Lausitzer Rundschau vom 22.10.1998
(6) Sächsische Zeitung vom 13.09.1998
(7) Rheinlandpfalz vom 06.01.2007
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Letzte Änderung am Donnerstag, 2. Mai 2013 um 21:39:30 Uhr.
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